
In Sachen Ökostrom wurde 2011 bundesweit ein neuer Rekord erreicht: Erstmals stammt gut ein Fünftel des in Deutschland verbrauchten Stroms aus erneuerbaren Energien. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres wurden dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft zufolge 57,3 Milliarden kWh (Kilowattstunden) Energiebedarf mit Ökostrom abgedeckt, was einem Marktanteil von stolzen 20,8 Prozent entspricht.
Dieser Trend ist auch in Herrenberg deutlich sichtbar. Wie der Arbeitskreis Energie (AKE) der Lokalen Agenda 21 in Herrenberg herausarbeitete, hat sich allein die Solarleistung der Stadt in den vergangenen drei Jahren verdoppelt. Derzeit sind rund 450 Anlagen zur EEG-Einspeisung registriert, die gemeinsam 4 000 kWp (Kilowatt-peak, Spitzenleistung) erzeugen - was einer jährlichen Gesamtmenge von vier Millionen kWh sauberen Stroms entspricht. "Das reicht für den Verbrauch von über 1 000 Familien", erklärt AKE-Mitglied Hermann Sautter begeistert. "Mit dieser Solarstrommenge werden in Herrenberg Jahr für Jahr mehr als 2 300 Tonnen CO2 eingespart."
Immerhin 13 Prozent
Arbeitskreis-Mitglied Karsten Schöck, der die vorliegenden, von der EnBW veröffentlichten Zahlen ausgewertet hat, stellt noch eine andere Rechnung auf: "An einem sonnigen Sommertag stehen jedem Einwohner in Herrenberg anteilig etwa 135 Watt Fotovoltaikleistung zur Verfügung", erklärt der 22-jährige Student der Elektrotechnik, der die regionale Entwicklung in Sachen Solarstrom und Solarthermie seit einigen Jahren intensiv verfolgt. "Im Schnitt beträgt die Spitzenlast an einem Sommertag in Deutschland um die 875 Watt je Einwohner. Für Herrenberg deckt die Fotovoltaik zur Spitzenstunde, die passend zum maximalen solaren Ertrag mittags ist, damit gute 15 Prozent ab. An einem Wochenende im Sommer würde der Anteil des Solarstroms sogar noch deutlich höher ausfallen. Mit den vier Millionen kWh Jahresleistung lassen sich - ausschließlich auf die Haushalte bezogen - immerhin 13 Prozent des Herrenberger Stromverbrauchs abdecken."
Rund 30 Prozent der Gesamtleistung kommen dabei von den vom AKE der Lokalen Agenda 21 bereits vor zehn Jahren initiierten Herrenberger Sonnendächern. Bereits 2002 ging der erste Abschnitt dieser Gemeinschaftsanlagen auf dem Dach des Schickhardt-Gymnasiums ans Netz und wurde in den folgenden beiden Jahren auf eine Gesamtleistung von 80 kWp ausgebaut. Zwischen 2006 und 2010 folgten Anlagen auf dem Oberjesinger Schulhaus, der Jerg-Ratgeb-Schule, der Theodor-Schüz-Realschule, dem Gelände der Stadtwerke Herrenberg, und dem Andreae-Gymnasium. Die neunte und letzte Ausbaustufe auf der Sporthalle im Markweg ist seit Juni 2011 am Netz. Die Sonnendächer verfügen damit über eine Gesamtleistung von fast 370 kWp.
Wachstum ausgerechnet
Karsten Schöck, der ein besonderes Faible für erneuerbare Energien besitzt, hat auch nicht die Mühe gescheut, das Wachstum den einzelnen Teilorten zuzurechnen. Dabei ergibt sich folgendes Bild: Zwar erbringt die Kernstadt mit 1016 kWp insgesamt die höchste Leistung, dicht gefolgt von Kuppingen, das 1003 kWp vorweisen kann, und Gültstein mit 789 kWp. Das größte Wachstum hat jedoch Mönchberg zu verzeichnen, die Kernstadt schneidet hier am schlechtesten ab.
Darüber mag man sich wundern, denn auch wenn die Kernstadt die höchste Bevölkerungsdichte hat und deshalb für dasselbe Ergebnis relativ pro Einwohner wesentlich mehr Leistung auf die Waage bringen müsste als ein kleinerer Teilort, so ist sie doch flächenmäßig auch deutlich größer. "Da spielt sicher auch die Altstadtsatzung eine wichtige Rolle", mutmaßt Hermann Sautter. Deren Vorgaben zielen darauf, das historische Stadtbild möglichst nicht zu beeinträchtigen und machen es in der Herrenberger Altstadt kaum möglich, Fotovoltaik- oder Solaranlagen zu installieren.
Auf Gesamt-Herrenberg bezogen ergibt sich insgesamt dennoch eine nahezu exponentiale Entwicklung. Mit 135 Wp (Watt-peak, Spitzenleistung) elektrischer Solarstromleistung je Einwohner (und der relativ geringen Solarthermiefläche von 0,02 Quadratmetern je Einwohner) rangiert die Gäustadt damit bei der Solarbundesliga auf Rang 812. Gar kein so schlechter Platz im Reigen der erfolgreichsten Städte in Sachen Solarsport. Das zeigt der Vergleich mit Nachbarstädten wie Tübingen, das trotz seines energiepolitischen Vorzeigecharakters derzeit auf Rang 984 liegt oder der Landeshauptstadt, die sich gar mit Platz 1317 zufriedengeben muss. Auf Kreisebene steht die mit über 30 000 Einwohnern viertgrößte Stadt auf Platz sechs und damit genau in der Mitte der insgesamt elf Gemeinden, die sich dem Solarsportwettbewerb stellen. Zwar läuft ihr das kleine Deckenpfronn auf Platz drei (bundesweit Platz 414) nach wie vor mühelos den Rang ab. Das liegt aber nicht zuletzt daran, dass dort nur etwa ein Zehntel der Einwohnerzahl Herrenbergs erreicht wird, weshalb auf jeden Deckenpfronner ganze 367,6 Wp Solarstrom kommen. Auf dem letzten Platz im Kreis liegt Böblingen selbst, dessen 15,2 Wp Strom je Einwohner bundesweit gerade einmal für Platz 1323 reichen. Doch hier wie überall gilt der sportliche Leitsatz: Hauptsache dabei sein! Zumal sich insgesamt nur knapp 1700 Gemeinden am solaren Wettstreit beteiligen.