GÄUBOTE vom 08.05.2010
"Unfallgefahren werden massiv unterschätzt"

"Tempo 90 oder gar nicht mehr Auto fahren", lautet die Voraussage von Dr. Rüdiger Merten alias Kurt Rüüd. Denn ohne alternative Antriebsmöglichkeiten und eine deutliche Senkung des Verbrauchs könne man sich das Autofahren in nicht allzu ferner Zukunft nicht mehr leisten. Am Donnerstagabend stellte Merten im Herrenberger Klosterhof sein Buch "Quo vadis Auto?" und seine Thesen zur Zukunft des Autos vor.

von Sabine Haarer

"Ich bin kein Autofeind und definitiv für die individuelle Mobilität", betonte Dr. Rüdiger Merten gleich zu Beginn seines Vortrags. Merten, 1943 geboren und inzwischen im Ruhestand, ist als freiberuflicher Referent und wissenschaftlicher Autor aktiv. Unter dem Namen Kurt Rüüd hat er unter anderem das Buch "Quo vadis Auto?" herausgegeben, woraus er auf Einladung des Herrenberger Arbeitskreises Energie der Lokalen Agenda 21 vorlas. 15 Zuhörer waren am Donnerstagabend in den Gewölbekeller im Klosterhof gekommen und ließen sich mitnehmen auf eine "Gedankenreise der besonderen Art", so Arbeitskreis-Mitglied Joachim Weller.


Buch "Quo vadis Auto?"
Autor: Kurt Rüüd

Ausgehend von den Fragen "Lohnt es sich für meinen Enkel noch, im Jahr 2025 den Führerschein zu machen?" und "Auf was können wir beim Auto verzichten?" skizzierte Dr. Rüdiger Merten die jetzige Situation in Sachen Automobil. 500 Millionen Autos sind heute weltweit unterwegs, wenn der Mensch weiterhin individuell mobil sein möchte, darf ein Auto so bald wie möglich nur noch ein bis zwei Liter Sprit verbrauchen.

In der Folge stellte der Buchautor die alternativen Antriebsmöglichkeiten Hybrid-, Elektromotor und Brennstoffzelle vor, arbeitete sowohl deren Vor- als auch Nachteile heraus. Bei allen drei Alternativen schlägt vor allem der hohe Energiebedarf negativ zu Buche. Hybrid- und Elektroauto wären auf einen Starkstromanschluss angewiesen. "Das Elektroauto hat einen doppelt so hohen Wirkungsgrad wie ein Verbrennungsmotor", führte Rüdiger Merten an. Allerdings gebe es dabei auch "scheinbar unwichtige Detailprobleme", wie beispielsweise die Heizung.

Während seines Vortrags zitierte der wissenschaftliche Autor nicht nur einzelne Passagen aus seinem Buch "Quo vadis Auto?", sondern auch viele Allgemeinplätze. "Ein guter Fahrer ist nicht unbedingt der schnelle Fahrer", ließ er seine Zuhörer wissen. Es gebe eine psychologische Wahrnehmungsverzerrung in Bezug auf den Pkw, da beispielsweise Geschwindigkeiten nicht realistisch wahrgenommen und Kosten nicht zeitnah rückgemeldet werden. Obwohl in Deutschland jährlich 200 Kinder an Folgen eines Verkehrsunfalls sterben und vier durch ein Sexualdelikt, fürchten Mütter Letzteres mehr für ihre Kinder. "Unfallgefahren werden massiv unterschätzt", so Rüdiger Merten dazu. Des Weiteren zog er einen Vergleich zwischen der Automobilindustrie und den Dinosauriern: "Wir sollten uns an der Evolution ein Beispiel nehmen. Weg vom Kraftmonster hin zu kleiner und schlauer." Denn behalte man den derzeitigen Kurs bei, gehe es "mit Vollgas ins Ölende".

Man müsse dahin kommen, dass das Auto nicht mehr nur als Prestigeobjekt gesehen werde und seinen Kultstatus verliere, forderte Merten. Durch die Festlegung der Höchstgeschwindigkeit von Tempo 90 und technische Weiterentwicklungen könnte ein Auto auf "Brumminiveau" fahren und würde nur noch knapp zwei Liter verbrauchen.

Darüber hinaus würden unfallträchtige Situationen entfallen, unfallvermeidende Sicherheitseinrichtungen in den Autos könnten leichter realisiert und dadurch zumindest auf der Autobahn das automatische Fahren möglich sein. Zu guter Letzt las Dr. Rüdiger Merten eine letzte Passage aus seinem Buch vor, in der er eine Zukunftsversion entwirft: Car-Sharing mit automatisch fahrenden Autos in einer Welt, in der es keine Unfälle gibt, und die Menschen zwar weiterhin individuell, durch mehr Bewegung aber dünner und gesünder sind.

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Sabine Haarer (gb)
08.05.2010




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AMTSBLATT vom 20.05.2010
"Quo vadis Auto?"

Grafik: akenergie/Dietze

Am Donnerstag, 6. Mai war Buchautor Dr. Rüdiger Merten, alias Kurt Rüüd, beim Arbeitskreis Energie der Lokalen Agenda im Klosterhof zu Gast. Dort referierte er aus seinem Buch "Quo vadis Auto" über Thesen zur Zukunft des Autos. Er betonte zuerst einmal, dass er die Vorteile des Autos sehr schätzt, andererseits aber die damit verbundenen Probleme überaus kritisch sieht. Derzeit gibt es rd. 500 Millionen Kfz weltweit. China und Indien bieten einen zukünftigen Markt von jeweils weiteren 500 Millionen Fahrzeugen. Wenn alle 6 Milliarden Menschen auf der Erde unseren derzeitigen Motorisierungsgrad erreichen, würde sich der Fahrzeugbestand auf 3 Milliarden, also das sechsfache des heutigen Bestandes erhöhen. Es ist offensichtlich, dass eine derartige Steigerung des PKW-Bestandes mit ihrem hohen Kraftstoffverbrauch nicht machbar ist. Erdöl- und Erdgasreserven wären in kürzester Zeit erschöpft und der katastrophale Anstieg klimaschädlicher Treibhausgase würde alle Klimaschutzbemühungen überflüssig machen.

Gewicht, Tempo und Fahrzeugleistung runter

Kurt Rüüd machte deutlich, dass Verbrennungsmotoren aufgrund ihres niedrigen thermodynamischen Wirkungsgrads schlechte Energieverwerter sind, die bestenfalls 30% bei Benzin- und 40% bei Dieselmotoren in mechanische Energie umsetzen. Ein erheblicher Anteil davon wird zur Überwindung von Rollreibung und Luftwiderstand "verbraucht". Die Rollreibung steigt linear mit dem Fahrzeuggewicht, der Luftwiderstand mit dem Quadrat der Geschwindigkeit. Der Kraftstoffverbrauch könnte deshalb durch den Bau leichterer und kleinerer Fahrzeuge, eine Begrenzung der Fahrgeschwindigkeit auf etwa 90 bis 100 Kilometern pro Stunde und eine wesentliche Reduzierung der Motorleistung verkleinert werden. Als Hybridfahrzeug könnte ein Diesel mit Elektromotor schließlich einen Kraftstoffverbrauch von 1,5 Litern pro 100 Kilometern oder weniger erreichen. Elektrofahrzeuge können in der Zukunft, wenn ausreichend Strom aus erneuerbaren Energien zur Verfügung steht, den Verbrauch von Öl ablösen. Solange aber der Strom größtenteils aus fossilen und atomaren Quellen stammt, sind Elektrofahrzeuge auch nicht klimaschonender als Autos mit Verbrennungsmotor.

Weniger Unfälle und Verkehrstote

Eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 90 bis 100 Kilometern pro Stunde würde außerdem zu einer erheblichen Reduzierung der Unfallgefahren und Verkehrstoten beitragen. Kurt Rüüd glaubt zwar nicht, dass eine solche Tempobeschränkung in Deutschland derzeit politisch durchsetzbar ist, weil sie durch Lobbyismus und Auto-Fetischismus ausgebremst wird. Allerdings wird sich eine Begrenzung in nicht allzu ferner Zukunft zwangsläufig durch die steigenden Kraftstoffpreise durchsetzen. Tempobegrenzungen sowie die Entwicklung leichterer und leistungsverminderter Autos werden außerdem durch psychologische Barrieren erschwert. Kurt Rüüd, der Mathematik und Physik studiert und außerdem in Psychologie promoviert hat, ging in seinem Vortrag auch darauf kurz ein, nicht nur nüchtern analysierend, sondern gelegentlich auch sarkastisch. So z.B. würden die Risiken der Kfz-Mobilität mit jährlich rd. 5000 Verkehrstoten und Hunderttausenden von Verletzten in Deutschland im Vergleich zu anderen Risiken, die durch Kriminalität (Mord) oder Terrorgefahr bestehen, enorm unterbewertet. Verkehrsverstöße, die Fußgänger, Radfahrer und andere Verkehrsteilnehmer massiv gefährden, würden häufig als Kavaliersdelikte abgetan. Und solange ein schickes, leistungsstarkes Auto das Prestige seines Besitzers steigert, wird eine Entwicklung zu den beschriebenen Veränderungen nicht so leicht möglich sein.



Dr. Konrad Herz
20.05.2010



Arbeitskreis Energie der Lokalen Agenda 21 Herrenberg
(in der Großen Kreisstadt 71083 Herrenberg, Kreis Böblingen)
www.agenda21-energie-herrenberg.de