Gäubote, 09.05.2011
Das Problem liegt im Speichern der Energie
Herrenberg: Für Energiewissenschaftler Joachim Nitsch gehört der Sonne die Zukunft

Wie erneuerbare Energien die künftige Energieversorgung sichern können, damit beschäftigte sich Dr. Joachim Nitsch bei seinem Vortrag in Herrenberg auf Einladung des Arbeitskreises Energie. Doch damit der Anteil der erneuerbaren Energien im Jahr 2050 bei fast 100 Prozent liegen kann, muss noch einiges getan werden.

von Dagmar Stepper


Dr. Joachim Nitsch
"Wie geht es weiter mit unserer Energieversorgung?" Mit dieser Frage stieg der Maschinenbauingenieur Joachim Nitsch in sein Referat im Haus der Begegnung ein. Der Arbeitskreis Energie der Lokalen Agenda 21 in Herrenberg hatte zu dem Vortrag im Haus der Begegnung eingeladen, und aufmerksam verfolgten die Zuhörer den Ausführungen des Energiewissenschaftlers, wie in den nächsten Jahrzehnten die Energiewende eingeleitet werden kann - und auch kommen muss, davon ist Nitsch überzeugt. "Nicht erst seit Fukushima ist es klar, dass es so nicht weitergehen kann", sagte er. Die Ölkrisen und Tschernobyl hätten schon vor vielen Jahren gezeigt, wie knapp die fossilen Energieressourcen sind und wie risikoreich die Kernenergie ist. Nitsch, der fast 30 Jahre Abteilungsleiter beim Zentrum für Luft- und Raumfahrt war und dort noch als Seniorwissenschaftler arbeitet, gilt als Pionier der erneuerbaren Energien. Er glaubt daran, dass ab dem Jahr 2050 ihr Anteil bei der Stromversorgung bei fast 100 Prozent liegen kann. Doch der Ingenieur weiß auch, dass es keine leichte Aufgabe ist.

Derzeit liegt der Anteil der erneuerbaren Energien bei der Stromerzeugung in Deutschland bei 17 Prozent, der Anteil der Kernenergie bei 22 Prozent. Nitsch glaubt, dass bis 2020 ein beschleunigter Ausstieg aus der Atomkraft möglich ist - wenn man nur richtig wolle. Allein durch eine bessere Energieeffizienz und durch Einsparungen könnte der Energieverbrauch bis 2050 halbiert werden. Vor allem beim Heizen von Gebäuden gebe es enormes Einsparpotenzial durch energetische Sanierungen. Und auch jeder Einzelne könne durch einen veränderten Lebenswandel Strom einsparen. Vor allem müsse man sich von den Großkraftwerken verabschieden, denn einer dezentralen und regionalen Stromerzeugung mit beispielsweise Blockkraftwerken und Nahwärmenetzen gehöre die Zukunft.

Doch bis Deutschland mit fast 100 Prozent mit sauberem Strom versorgt ist, ist noch eine Menge Ingenieurskunst gefragt. Das weiß Nitsch: "Nicht die Stromerzeugung mit erneuerbaren Energien ist das Problem, sondern das Speichern der Energie." Denn die Sonne scheint mal mehr, mal weniger, beim Wind ist es ähnlich. Die Stromerzeugung fluktuiert stark und die Energie, die Fotovoltaikanlagen an heißen Sommertagen erzeugen müssen entsprechend gespeichert werden, damit man sie an kalten Abenden nutzen kann.

Doch Joachim Nitsch ist optimistisch, dass es gelingt. "Die Technologien sind da, wir müssen sie nur weiterentwickeln." In den vergangenen Jahren wurden bereits große Fortschritte bei grünen Projekten wie Biomasse, Windparks, Solartechnik oder solarthermische Kraftwerke gemacht, auf diesen Fundamenten gelte es aufzu bauen. Auch der Klimawandel erfordere ein Umdenken, von der Halbierung des Kohlendioxid-Ausstoßes, wie 1990 für 2050 beschlossen, sei man noch weit entfernt, betonte der Redner. Doch nicht nur für die Umwelt sieht Nitsch einen Vorteil bei der Steigerung der erneuerbaren Energien. "Sie sind auch ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor in Deutschland", sagte Nitsch. Derzeit hängen daran 35 000 Arbeitsplätze, bis 2030 könnten es 500 000 sein. "Wir haben die Blaupause, wir müssen nur weitermachen", forderte er zum Schluss.


Den Vortrag von Dr. Nitsch finden Sie hier.






Amtsblatt, 01.06.2011
Mit erneuerbaren Energien in eine
zukunftsfähige Energieerzeugung
Vortrag von Dr. Nitsch in Herrenberg

Nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima will die Bundesregierung aus der Atomenergie aussteigen. Fukushima hat der Welt nach Tschernobyl noch einmal die immensen Risiken der Atomtechnologie vor Augen geführt. Alle Politiker sind sich einig darüber, dass mit dem Ausstieg die Erneuerbaren Energien in den kommenden Jahren und Jahrzehnten entschlossen ausgebaut werden müssen. Ist das technisch und ökonomisch möglich?

von Dr. Konrad Herz

Dass dies trotz großer technischer und finanzieller Herausforderungen möglich, für die Begrenzung der Klimaerwärmung zwingend notwendig und für Wirtschaft und Gesellschaft vorteilhaft ist, hat der renommierte Energiewissenschaftler Dr. Joachim Nitsch in seinem Vortrag "Mit erneuerbaren Energien in eine zukunftsfähige Energieerzeugung" aufgezeigt. Der Arbeitskreis Energie der Lokalen Agenda 21 in Herrenberg hatte zu diesem Vortrag am 6. Mai in das Haus der Begegnung eingeladen.

Dr. Nitsch machte zunächst deutlich, dass unser atomar-fossiles Energiesystem nicht zukunftsfähig ist. Das Verbrennen von Kohle, Öl und Erdgas für die Gewinnung von Strom, Heizenergie und Kraftstoffen führt zu einer Verknappung der fossilen Energieressourcen und zu einer für die Menschheit und das Ökosystem gefährlichen Klimaerwärmung durch den Treibhauseffekt. Die Bundesrepublik will deshalb ihren Kohlendioxidausstoß bis 2050 um mindestens 85% verringern.

Der Umstieg ist möglich

Wie dieses Ziel und ein vollständiger Umstieg auf Erneuerbare Energien verwirklicht werden können, hat Dr. Nitsch mit folgenden "guten Botschaften" zusammengefasst:

1. Mit besserer Technik und intelligenter Nutzung lässt sich die Energieeffizienz z. B. von Fahrzeugen, Elektrogeräten, Gebäuden und Industrieprozessen beträchtlich steigern. Der Strom-, Kraftstoff- und Wärmeverbrauch kann dadurch insgesamt bis 2050 in Deutschland, aber auch in anderen Industrieländern, etwa halbiert werden. So kann z. B. Strom wesentlich effizienter als mit alten Kohlemeilern in modernen Gas- und Blockheizkraftwerken erzeugt werden. Die in "Kraft-Wärmekopplung" produzierte Wärme soll mit Hilfe von Nahwärmenetzen für die Beheizung von Stadtteilen und Industriegebäuden verwendet werden.

2. Eine vollständig auf erneuerbare Energien gestützte Energieversorgung ist möglich. "Solare" Technologien sind in großer Vielfalt vorhanden, sind breit einsetzbar und verfügen noch über beträchtliche Entwicklungspotenziale. So soll der Strom bis 2050 zu 90% mit Wind, Photovoltaik, Wasserkraft, Biomasse und Geothermie erzeugt werden. Auch eine 100% Stromerzeugung ist so möglich.

3. Erneuerbare Energien bieten beträchtliche Perspektiven für eine internationale Kooperation. Ein erheblicher Anteil von Solarstrom könnte aus solarthermischen Kraftwerken im Mittelmeerraum erzeugt und in ein Europäisches Verbundsystem mit Netzen und Speichern eingespeist werden.

4. Der Aufbau eines Energiesystems mit Erneuerbaren Energien bietet große ökonomische Vorteile. In Unternehmen für erneuerbare Energien wird die Zahl der Arbeitsplätze stark ansteigen, bis 2030 auf etwa 500.000 und ihr Jahresumsatz 50 bis 60 Mrd. Euro pro Jahr betragen. Der Strompreisanstieg wird durch die Erneuerbaren Energien gedämpft und nach 2030 durch die Verbilligung der Technologien wieder rückläufig. Die Fortsetzung des atomar-fossilen Energiesystems würde dagegen zu einem weiteren Strompreisanstieg führen.




Die folgenden Bilder wurden von Hermann Sautter aufgenommen.

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(Bilder: Hermann Sautter)



Arbeitskreis Energie der Lokalen Agenda 21 Herrenberg
(in der Großen Kreisstadt 71083 Herrenberg, Kreis Böblingen)
www.agenda21-energie-herrenberg.de