
"Ein Passivhaus ist deutlich komplizierter als ein herkömmliches Haus. Es ist unorthodox und teuer. Die architektonische Gestaltungsfreiheit ist stark eingeschränkt. Die Technik ist unverständlich. Die meisten Baufirmen bieten keine Passivhäuser an. Eine saubere Ausführung ist nur von ganz wenigen Profis gewährleistet."
Immer wieder kommt Skepsis auf, wenn es um Passivhäuser geht. Warum eigentlich immer noch? Agenda-Mitglied Joachim Weller ist seit 2007 begeisteter Bewohner seines Passivhauses in Affstätt. Hier formuliert er prägnant seine Antwort an Zweifler und Bedenkenträger.
Ein Passivhaus ist nicht "komplizierter" im Sinne komplizierter Technik, aber es stellt deutlich höhere Anforderungen an Planung (Architekt, HLS-Planer etc.), ausführende Handwerker und Bauleitung.
Die dafür notwendige Qualifikation bringen die meisten Bauträger und deren Architekten nicht mit, weil das nicht ihr "Business" ist. Deshalb können sie das Passivhauskonzept auf Kundennachfrage auch nicht in einem positiven Licht darstellen - sie würden Kunden verlieren. Die meisten Kunden lassen sich ja mit unverbindlichen Worthülsen wie "Energiesparhaus" beglücken.
Wieviel da in Bezug auf welche Referenz eingespart wird, braucht man ja nicht darzulegen. In meinen Augen ist es schon etwas dreist, solch wohlklingende Attribute zu offerieren und dabei gerade mal die EnEV zu erfüllen. Leider ist genau das aber häufig der Fall.
Die Kosten
Die tatsächlichen Mehrkosten im Passivhaus werden weniger durch höhere Dämmung verursacht, sondern durch die teureren dreifach verglasten Fenster und Aussentüren, sowie die höheren Planungskosten.
Jeweils unterschiedliche Installationen können sich gegeneinander aufrechnen. Statt Brennstofflagerraum, großer Heizungsanlage, Kamin und 20 Heizkörpern im herkömmlichen "preiswerten" Baukörper nun eine Lüftungsanlage mit Wärmetauscher und evtl. Kleinst-WP für Warmwasser im "teuren" Passivhaus.
Aber es gehört nicht viel Phantasie dazu, vorherzusehen, dass sich die Fortschreibung der EnEV in Richtung Passivhaus bewegt und dies über kurz oder lang als Minimum festschreibt.Wer will heute noch ein Haus für mindestens die nächsten 30 Jahre bauen, das den Status der energetischen Sanierungsbedürftigkeit bereits deutlich früher erreicht und damit entweder diese Kosten oder die bis dahin erheblich gestiegenen Energiekosten tragen muss?
Bei Kostenvergleichen kann man sinnvollerweise nur Kostengruppen heranziehen, in denen sich die Unterschiede zwischen PH und EnEV-(2009) niederschlagen, und das sind die Kostengruppen 300 (Bauwerk) und 400 (Haustechnik) nach DIN 276. Und auch hier sind bereits Posten wie Fliesen, Bodenbelag und Dachdeckung drin, die stark vom Geschmack und Qualitätsanspruch der Bauherren geprägt sind.
Beim Vergleich der Gesamtkosten von realisierten Projekten kann durch die Einbeziehung von Ausstattungsdetails wie etwa:durch entsprechende Auswahl der Projekte jede beliebige Aussage abgeleitet werden, welche Bauweise um wieviel billiger sei. Hier wird auch deutlich, dass der Einfluss der Bauherren-Entscheidungen auf Ausstattungsdetails oft weit mehr Einfluß auf die Gesamtkosten nimmt, als die Entscheidung EnEV-2009 oder Passivhaus. Das ist ein Punkt der in den Diskussionen meist nicht betrachtet wird.
Nun sind Ausstattungsdetails innerhalb der geplanten Nutzungszeit änderbar. Aber die Festlegung auf EnEV-2009 oder Passivhaus ist in aller Regel endgültig und damit von erheblich grösserer Tragweite, da sie die Grundlage für die Energiebezugskosten für die gesamte Lebensdauer des Gebäudes darstellt. Der Unterschied dabei ist, dass die Kredit(mehr)kosten konstant sind und durch Inflation real über die Jahre absinken, während die Energiekosten stetig weiter ansteigen, und das meist in höherem Masse als die Löhne.
Dabei haben wir in der ganzen Diskussion noch überhaupt nicht berücksichtigt, welcher Unterschied im Wohnkomfort ensteht und wie der Beitrag zur CO2-Einsparung zu bewerten ist. Aber das ist eine andere Geschichte.
Konkrete Zahlen zum Preisvergleich?
Ein Preisvergleich ist genauso sinnvoll, wie die Beantwortung der Frage in welchem Supermarkt man für einen gefüllten Einkaufswagen der gleichen Produktgruppen weniger bezahlt. Ist das jetzt Aldi oder Netto ?
Der Versuch eines solchen "Preisvergleiches" führt in keinster Weise zur Beantwortung der gestellten Frage, wieviel an Mehrkosten für das Bauwerk Passivhaus im Vergleich zu einem EnEV-2009 Haus entstehen.
Wenn man das beantworten will, muss man die Kosten der Teile, in denen die Unterschiede in der Bauweise begründet liegen, von denen trennen, die davon völlig losgelöst sind. Erst dann lassen sich belastbare Kostenunterschiede berechnen.
Als Kosten sind neben den Erstehungskosten auch die Energie-Verbrauchskosten über die Haus-Nutzungszeit einzubeziehen. Und das mit einer glaubhaften Preisentwicklung für diesen Zeitraum.
Weiterhin hat der Bauherr auch Kosten für Erneuerung durch Abnutzung und notwendige (Energie-)Sanierungsmassnahmen zu bezahlen. Die können durchaus durch Auswahl unterschiedlicher Qualitäten der Komponenten variieren. So können u.U. zu billig hergestellte Kunststoffenster sich verziehen und einen frühzeitigeren Austausch erfordern.
Man sieht, dass es sehr komplex werden kann, das valide zu vergleichen. Aber eins ist sicher: man bezahlt als Bauherr nicht nur einmalig die Entstehung sondern auch die Kosten, die während der Nutzung entstehen.
Letztendlich zählt aus finanzieller Hinsicht nur die Frage, wie hoch die Gesamtbelastung aus Kredit-, Energie- und Unterhaltskosten für die Jahre des Bewohnens sein wird.
Ich kann nur nochmals den Kern meiner Aussage wiederholen:
"Durch entsprechende Auswahl der Projekte kann jede beliebige Aussage abgeleitet werden, welche Bauweise um wieviel billiger sei."
Hier wird auch deutlich, dass der Einfluss der Bauherren-Entscheidungen auf Ausstattungsdetails oft weit mehr Einfluß auf die Gesamtkosten nimmt, als die Entscheidung EnEV-2009 oder Passivhaus. Nur sind Ausstattungsdetails innerhalb der geplanten Nutzungszeit änderbar. Aber die Festlegung auf EnEV-2009 oder Passivhaus ist in aller Regel endgültig und damit von erheblich grösserer Tragweite, da sie die Grundlage für die Energiebezugskosten für die gesamte Lebensdauer des Gebäudes darstellt.
Joachim Weller
16.12.2010