
Es ist ein frostiger Wintertag Anfang Januar. An den Straßenrändern türmen sich die Schneeberge, das Thermometer zeigt zehn Grad unter null.
Doch im Passivhaus der Familie Weller in Affstätt brennt kein Feuer im Ofen. Keine Heizung läuft, nur die Sonne scheint an diesem klaren, kalten Tag durch die Fensterfront im Wohnzimmer. Dennoch ist es bereits jetzt am Vormittag wohlig warm - mit 21 Grad eindeutig in der Wohlfühlzone. "Hier kann man live erleben, wie ein Passivhaus nur von der Sonne erwärmt wird", meint Hausherr Joachim Weller stolz. Durch die nach Südosten ausgerichteten Fenster im Wohnzimmer scheint sie hell herein, gerne bereit zur Demonstra tion ihrer beeindruckenden, dazu noch unentgeltlichen Heizkraft.
Neben dieser passiven Nutzung wandelt eine zehn Quadratmeter große Solaranlage auf dem Dach die Sonnenenergie in Wärme um, die das Wasser in einem 1 000 Liter fassenden Low-Flow-Schichtenspeicher erwärmt. Er versorgt das Haus vor allem mit Warmwasser, aber auch mit Heizwärme. Fällt die Raumtemperatur unter den vorgegebenen Wert, sorgt das Warmwasser aus dem Speicher über die Lüftungsanlage für Wohlfühltemperaturen im ganzen Haus. "Wichtig ist, dass die Kollektoren relativ steil aufgestellt sind, damit sie die Wintersonne optimal einfangen können, denn im Sommer gibt es die Energie ohnehin im Überfluss", erklärt der Hausherr. Die Fensterfront besteht aus dreifach verglasten, mit Argon-Gas gefüllten Scheiben, deren höherer Anschaffungspreis sich durch die Energieeinsparung innerhalb weniger Jahre auszahlt.
Ofen brennt ganz selten
Der ästhetische und moderne Holzofen, der die in warmem Rot bemalte Wohnzimmerwand ziert, kommt nur dann zum Einsatz, wenn die Tage nicht nur kalt, sondern auch trübe sind. "Diesen Winter hatten wir ihn schon ein paar Mal an, der Dezember war ziemlich sonnenarm", erklärt Joachim Weller. "Mit dem Ofen heizen wir eigentlich nur, wenn die Sonne sich über längere Zeit nicht zeigt. Wir haben 50 Quadratmeter Fenster, die sind unsere Hauptwärmequelle." Ein Schüttraummeter Scheitholz, erzählt er, reiche den ganzen Winter über, oft bleibe davon sogar noch etwas übrig. "Unsere Wärme kommt nur von Sonne oder Holz - damit heizen wir zu 100 Prozent CO2-neutral. Das war uns sehr wichtig."
Wie in jedem Passivhaus spielt die Lüftungsanlage eine wesentliche Rolle bei der Schaffung des angenehmen Raumklimas. Mit einer Leistung von nur 25 Watt - ihr ganzjähriger Betrieb verursacht gerade einmal 50 Euro Energiekosten im Jahr - sorgt sie dafür, dass die Raumluft im ganzen Haus innerhalb von zweieinhalb Stunden komplett ausgetauscht und durch frische Außenluft ersetzt wird. Da die einströmende, kältere Luft von der ausströmenden Raumluft erwärmt wird, entstehen dabei kaum Wärmeverluste. Das gleiche Prinzip des Luftaustauschs, das im Winter für Wärme sorgt, macht das Haus im Sommer angenehm kühl.
Ein weiterer wesentlicher Baustein im Passivhaus-Energiegefüge ist die ausgezeichnete Isolierung und konsequente Vermeidung von Wärmebrücken, die in herkömmlichen Häusern oft an Übergängen wie Fenstern und Balkonen kalte Luft ins Haus schleusen.
Skeptikern, die befürchten, dass so ein "luftdichtes" Haus anfällig sei für Schimmel und schlechte Luft, und dass man sich klaustrophobisch fühlen müsse in einem Haus, in dem man nie ein Fenster öffnen dürfe, hält Weller, der inzwischen zum überzeugten Passivhausenthusiasten geworden ist, entgegen, dass kaum ein Haus so gut durchlüftet wird wie ein Passivhaus. "Natürlich kann man auch die Fenster öffnen - aber man muss nicht."
Silvia und Joachim Weller wissen den Komfort ihres durchdachten Hauses zu schätzen - zumal sie vorher "krass anders" gewohnt haben: In dem zugigen, schlecht isolierten Altbau beliefen sich die Energiekosten für Heizung und Warmwasser auf 2 200 Euro im Jahr - heute zahlen sie gerade mal 80. "Damals haben wir im Monat mehr gezahlt als jetzt im ganzen Jahr und gefroren haben wir trotzdem manchmal!", lautet ihr Fazit. Als sie sich zum Hausbau entschlossen, erkundigten sich die beiden intensiv nach den verschiedenen Möglichkeiten. "Das Prinzip des Passivhauses fanden wir einleuchtend", erzählt Silvia Weller. "Uns ist dabei klar geworden, dass man nicht hilflos ist gegenüber der Weltpolitik. Man kann etwas tun. Etwa mit den höheren Baukosten lokale Handwerker unterstützen, statt beständig fossile Rohstoffe von unsicheren Regierungen beziehen." Seit gut drei Jahren wohnen die Wellers nun schon in ihrem neuen Domizil - und haben es keinen Tag bereut, sich für das Passivhauskonzept entschieden zu haben. Diejenigen, die sich ebenfalls für diese Bauweise interessieren, wollen sie ermutigen: "Ein erfahrener Architekt ist wichtig, denn ein Passivhaus erfordert große Sorgfalt bei der Planung", betont Joachim Weller. "Und sich nicht abbringen lassen, denn viele wollen es einem ausreden. Aber wenn man ökologisch und zukunftsfähig handeln kann und gleichzeitig so viel Behaglichkeit bekommt, dann wird klar, dass es eigentlich keinen Sinn macht, anders zu bauen."
Jutta Krause
20.01.2011